Heute ein weiteres Modell meiner nicht mehr ganz so bescheidenen Turnschuhkollektion. Vermeintlich habt ihr schon die Schnauze voll von meinem pausenlosen Einser-Jordan-Gequatsche, aber ich kenne kein Erbarmen. Und unter uns gesprochen: Nur die Harten kommen in den Garten.

Also, ein weiterer Einser, diesmal der Shadow. Zu Deutsch: Schatten. Wie üblich kommt die Namensgebung von der Farbgebung. Grau und schwarz, ziemlich dunkel. Schatten sind bekanntlich dunkel. Und unscheinbar. Somit perfekt kombinierbar zu nahezu jedem Outfit. Modische Wunderwaffe.

Womöglich der Grund, dass dieser Einser die meisten Kilometer auf der Sohle hat. In keinem anderen verbrachte ich mehr Stunden. Heißt aber auch, dass sie den meisten Fußschweiß aufgesaugt haben. Dementsprechend hinuntergekommen ihr Zustand. Optisch und geruchstechnisch.

Zum Glück wurde er heuer in einer Neuauflage releast und zum doppelten Glück konnte ich ein neues Paar in meiner Größe ergattern. Die nächsten Jahre sind somit gesichert. Diesmal online und direkt beim Hersteller, damals in einem Basketballschuhgeschäft in der Neubagasse. 2013 war das.

Wir schreiben die diesjährigen Hundstage. Sagt man. Ein Hitzerekord fällt nach dem anderen. Weiß man. Und das täglich. Ein Ende nicht absehbar. Unerwartet schön und angenehm erscheinen dadurch die klimatisierten Bürostunden in der Arbeit. Trotz Arbeit. Und trotz U6.

Aber wer wird denn hier jammern und was wäre ein Sommer ohne Sommer und der subtropischen Klimazone in den Zwischenwaggons des Wiener Proletenschlauchs. Ziemlich surreal. Außerdem entgingen uns Frische, Sportlichkeit, Farbenpracht und Leichtigkeit hitzetauglicher Outfits.

Meine sommerliche Zusammenstellung dreht sich zum einen um die gelb-violetten Teamfarben der Los Angeles Lakers und zum anderen um die rot-schwarzen Teamfarben der Chicago Bulls. Als gemeinsamer Nenner muss Dennis Rodman her. Drei Jahre für die Bulls, eines für die Lakers.

Über die Sommertauglichkeit ärmelloser Basketball-Oberteile brauchen wir nicht diskutieren. Wohl aber über das Turnschuhwerk. Als perfekte Begleiter empfehle ich konforme Farben. Dazwischen bitte Kontrast. Hosentechnisch wohlgemerkt. Denn Straße ist nicht Court.

Zweilfelsohne spielte sich in meinem Leben ein Schuhmodell in den Vordergrund, das fast schon zum Inventar meiner Füße gehört. So wie die Hühneraugen an den kleinen Zehen links und rechts. Keine Angst. Fußgewächstechnisch werde ich nicht detaillierter. Zurück in die Spur: Wer mich kennt, kennt sie. Meine Einser-Jordans.

Wie viele Paar ich davon besitze, ist uninteressant. Vielmehr begeben wir uns auf eine kleine Zeitreise und drehen die Uhr um elf Jahre zurück. Wir befinden uns nun im wunderschönen Nürnberg und schreiben das Jahr 2007. Nie an euren Rechenkünsten zweifelnd entführe ich euch in einen Streetwear-Shop im mittelalterlichen Stadtkern.

Ihr werdet nun Zeugen eines für euch bedeutungslosen, für mich aber historischen Ereignisses: Im Abverkauf lege ich mir mein allererstes Paar Einser-Jordans zu. Der Beginn einer großen Liebe. Damals bildete ich mir übrigens ein, Jordans in Größe 11,5 statt 12 zu benötigen. Die Konsequenz: Einlagesohle musste irgendwann raus, Zehenfehlstellung blieb.

Musiker und Musikgruppen dienten mir stets als Inspirationsquelle in Sachen Kleidungsstil. Primär kam dieser Einfluss aus dem Genre des Rap und wird mir ein Leben lang erhalten bleiben. Run-D.M.C. spielen dabei eine wichtige Rolle. King Of Rock lautet einer ihrer Titel, kings of style nenne ich sie.

Im Fokus ihres Stils steht die Farbe Schwarz. Repräsentiert durch simple Kleidungsstücke. Und dienend als ideale Plattform für stylische Elemente, die das Outfit erst so richtig feinschleifen und perfektionieren: Weiße Turnschuhe und goldener Schmuck. Achtung: Für Letzteres gilt Zurückhaltung.

Run-D.M.C. lebten dies in Form von fetten Goldketten aus. Nichts mit Zurückhaltung, viel eher Übertreibung. Aber als Rapper hat man das Privileg dafür. Ich hingegen nicht, weswegen eine Uhr die Pflichtaufgabe des Bling-Bling übernimmt. Preis und Digitalanzeige schließen jegliches Zuhältertum aus.

Ihre geliebten Sneakers wurden als ständige Begleiter in einem eigens kreierten Track gefeiert. Die Rap-Pioniere trugen sie ohne Bänder, für mich dann doch eine Coolness-Nummer zu groß. So wie ein Hut, der mir darüber hinaus auch gar nicht stehen tut. Wie war das nochmal mit dem Privileg?

Die Nacht im fortgeschrittenen Zustand. Schwarz der Himmel über Wien, schlafend die Masse an Menschen. Ich schlafe nicht. Das Fenster offen. Straßenseitig dringen gedämpfte Lichtwellen in mein dunkles Wohnzimmer. Und Schallwellen dringen hinaus. Im Viervierteltakt.

Monoton schwingen sie. Kurbeln meinen Schreibfluss an. Die Müdigkeit wie weggezaubert. Es ist dieser Bass. Er trägt mich durch die Arbeit der Nacht. Macht mich stark, kreativ. Hält mich wach. Techno als persönliche Audio-Droge, die diesen Nachtflug ermöglicht.

Es ist die Spannung. In mir. Aufregung, Euphorie, Nervosität. Positive Nervosität. Ein geheimnisvolles Gefühl, das wie Geborgenheit wirkt. Innig. Zugleich der betörende Beigeschmack eines Verbotes. Der nächtliche Schallwellenritt setzt ihn frei. Diesen künstlerischen Geist in mir.

Ton für Ton, Taste für Taste, Wort für Wort. Die elektronischen Vibes als Schaltzentrale meines Körpers. Die Finger ferngesteuert. Tanzend kreierend auf der Bühne der Tastatur. Bis zum Ausklang des magischen Wellenbades. Nach Vollendung dieses nächtlichen Textwerkes.