Zweilfelsohne spielte sich in meinem Leben ein Schuhmodell in den Vordergrund, das fast schon zum Inventar meiner Füße gehört. So wie die Hühneraugen an den kleinen Zehen links und rechts. Keine Angst. Fußgewächstechnisch werde ich nicht detaillierter. Zurück in die Spur: Wer mich kennt, kennt sie. Meine Einser-Jordans.

Wie viele Paar ich davon besitze, ist uninteressant. Vielmehr begeben wir uns auf eine kleine Zeitreise und drehen die Uhr um elf Jahre zurück. Wir befinden uns nun im wunderschönen Nürnberg und schreiben das Jahr 2007. Nie an euren Rechenkünsten zweifelnd entführe ich euch in einen Streetwear-Shop im mittelalterlichen Stadtkern.

Ihr werdet nun Zeugen eines für euch bedeutungslosen, für mich aber historischen Ereignisses: Im Abverkauf lege ich mir mein allererstes Paar Einser-Jordans zu. Der Beginn einer großen Liebe. Damals bildete ich mir übrigens ein, Jordans in Größe 11,5 statt 12 zu benötigen. Die Konsequenz: Einlagesohle musste irgendwann raus, Zehenfehlstellung blieb.

Musiker und Musikgruppen dienten mir stets als Inspirationsquelle in Sachen Kleidungsstil. Primär kam dieser Einfluss aus dem Genre des Rap und wird mir ein Leben lang erhalten bleiben. Run-D.M.C. spielen dabei eine wichtige Rolle. King Of Rock lautet einer ihrer Titel, kings of style nenne ich sie.

Im Fokus ihres Stils steht die Farbe Schwarz. Repräsentiert durch simple Kleidungsstücke. Und dienend als ideale Plattform für stylische Elemente, die das Outfit erst so richtig feinschleifen und perfektionieren: Weiße Turnschuhe und goldener Schmuck. Achtung: Für Letzteres gilt Zurückhaltung.

Run-D.M.C. lebten dies in Form von fetten Goldketten aus. Nichts mit Zurückhaltung, viel eher Übertreibung. Aber als Rapper hat man das Privileg dafür. Ich hingegen nicht, weswegen eine Uhr die Pflichtaufgabe des Bling-Bling übernimmt. Preis und Digitalanzeige schließen jegliches Zuhältertum aus.

Ihre geliebten Sneakers wurden als ständige Begleiter in einem eigens kreierten Track gefeiert. Die Rap-Pioniere trugen sie ohne Bänder, für mich dann doch eine Coolness-Nummer zu groß. So wie ein Hut, der mir darüber hinaus auch gar nicht stehen tut. Wie war das nochmal mit dem Privileg?

Die Nacht im fortgeschrittenen Zustand. Schwarz der Himmel über Wien, schlafend die Masse an Menschen. Ich schlafe nicht. Das Fenster offen. Straßenseitig dringen gedämpfte Lichtwellen in mein dunkles Wohnzimmer. Und Schallwellen dringen hinaus. Im Viervierteltakt.

Monoton schwingen sie. Kurbeln meinen Schreibfluss an. Die Müdigkeit wie weggezaubert. Es ist dieser Bass. Er trägt mich durch die Arbeit der Nacht. Macht mich stark, kreativ. Hält mich wach. Techno als persönliche Audio-Droge, die diesen Nachtflug ermöglicht.

Es ist die Spannung. In mir. Aufregung, Euphorie, Nervosität. Positive Nervosität. Ein geheimnisvolles Gefühl, das wie Geborgenheit wirkt. Innig. Zugleich der betörende Beigeschmack eines Verbotes. Der nächtliche Schallwellenritt setzt ihn frei. Diesen künstlerischen Geist in mir.

Ton für Ton, Taste für Taste, Wort für Wort. Die elektronischen Vibes als Schaltzentrale meines Körpers. Die Finger ferngesteuert. Tanzend kreierend auf der Bühne der Tastatur. Bis zum Ausklang des magischen Wellenbades. Nach Vollendung dieses nächtlichen Textwerkes.

Wir lernten uns als Jugendliche kennen. Waren im selben Fußballteam. Mannschaftskollegen. Aber schnell stand fest, dass das mehr war. Freundschaft. Aufrichtig und seelisch eng miteinander verbunden.

Wir wurden älter. Gingen eigene Wege. Sahen uns immer seltener. Aber nie litt unsere Freundschaft darunter. Als wäre die Zeit stillgestanden. Längst erwachsene Männer, aber Kindsköpfe wie eh und je.

Plötzlich die Nachricht von deinem kranken Herz. Die schwere Operation. Mein Bangen um dein Leben. Wochenlang. Doch du kamst zurück. Was sonst. Unmöglich der Gedanke, dass du nicht mehr bist.

Und du warst noch stärker. Inzwischen Familienvater. Auch im Sport änderte sich dein Leben, du musstest vieles aufgeben. Juventus rückte ins absolute Zentrum deines Sportler-Daseins.

Jeder braucht dieses eine Hobby. Begeistert verpasstest du kein Spiel. Wusstest alles. Nur eines fehlte dir noch. Endlich ein Spiel vor Ort in Turin miterleben zu können. Im März zogen wir es durch.

Strahlende Augen und ein Lächeln, so oft ich mich auf der Tribüne zu dir umdrehte. Drei Monate später schliefst du einfach ein. Dein Herz konnte nicht mehr. Doch wahre Freundschaft ist unsterblich <3

Vorgestern an der Wiener Ringstraße entlang des Donaukanals. In der dämmernden Schwüle eines frühsommerlichen Abends. Und im Visier einer Schützin. Eines kleinen Mädchens. Mit einem Maschinengewehr. An der Front des seitlich in Flammen stehenden Ringturms. Ein Anblick, der so gar nicht in unser Gesellschaftsbild passt.

Oder doch? Verstörend, schockierend, gewagt, genial. Die Reaktionen liegen im Auge des Betrachters, unabhängig davon wird ein jeder aus seiner Komfortzone gelockt. Gefolgt von einem Denkanstoß, der möglicherweise schnell im Keim der Verdrängung erstickt. Die wiederum sehr wohl in unsere Gesellschaft passt.

Eine Gesellschaft, gesteuert von Kapitalismus. Zerstört von Gier nach Geld und Macht. Gewalt und Krieg als verheerende Folge und wachsender Teil unseres Lebens. Faktisch und fiktiv. Sowohl im wahren, als auch im virtuellen Leben. Darin Kinder. Unschuldig. Hilflos. Gefangen in der Gräuel eines zum Scheitern verurteilten Systems.

Gottfried Helnweins Mahnmal gegen Krieg und Gewalt. Der Künstler will dem Beachtung schenken, wo andere nicht hinsehen wollen. Mit dem Ziel, zum Umdenken zu bewegen. Bevor alle Werte zerstört sind. Im Zentrum steht das unschuldige Kind. Tituliert mit einem Zitat von Francisco de Goya. Einem Künstler, der vor 200 Jahren schon hinsah.